Eine Detektivgeschichte in tausend Stücken
Berlin Tiergarten. Auf dem Hof der Königlichen Porzellan-Manufaktur schmückt ein riesiges, gerahmtes Bild eine Werkswand. Kein Grafitti, sondern das Gemälde einer historisch anmutenden Frauenfigur vor der Ansicht des Kölner Doms, umgeben von Berühmtheiten anderer Epochen wie Dürer, Gutenberg und Leibniz.
Was die Wenigsten wissen, die hier vorbeischlendern: Hinter diesem Kunstwerk verbirgt sich eine einmalige Detektivgeschichte. Und die wiederum bietet Besuchern gerade Gelegenheit, selbst ein Stückchen Kunstgeschichte zu schreiben.
Im KPM-Ausstellungsbereich, umgeben von 262 Jahren Porzellangeschichte, erforschen Manufaktur-Eigentümer Jörg Woltmann und sein Team die Hintergründe der Story. Seit der Gründung durch Friedrich den Großen werden hier absolute Designklassiker geschaffen.

Heute zeitgemäß sogar Currywurst-Schalen und To-Go-Kaffeebecher. Und auch das Monumentalwerk „Germania – Beschützerin von Kunst und Wissenschaft“, auf dem Vorplatz als Druck an der Wand, befindet sich im Original in den weitläufigen Backsteingebäuden der Manufaktur, hier allerdings auf genau 1057 Porzellanfliesen.



Ein Kunstwerk, sechs Meter hoch und fünf Meter breit, verschwindet – für über 40 Jahre
Die imposante „Germania“ wurde für die Weltausstellung 1893 in Chicago vom damaligen künstlerischen Direktor der KPM Alexander Kips angefertigt. Danach hing sie bis in die 1980er Jahre im Ballsaal des deutsch-amerikanischen Freundschaftsclubs "Germania" von Chicago, von wo sie spurlos verschwand.
Erst 2017 entdeckte sie der Chicagoer Germanistik-Professor Reinhard Andress dank akribischer Recherchen wieder - auf dem Dachboden eines Altenheims, zerlegt und in 23 verstaubte Kartons verpackt. Eine Sensation. Andress organisierte 2022 die Schenkung des Fundes an die Stiftung KPM, mit der Auflage, das Bild zu restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
„Ich hatte keine Ahnung, dass so große Wandbilder von der KPM noch erhalten sind. Das war zu schön, um wahr zu sein!“
Jörg Woltmann
Schon 2017 gründete Jörg Woltmann eine Stiftung zur Sicherung des KPM-Kulturgutes. „Wir digitalisieren gerade unsere gesamten Archive und übernehmen auch andere kulturelle Aufgaben, organisieren zum Beispiel Führungen durch die KPM“, erklärt er. Und jetzt zusätzlich die Restaurierung der „Germania“ und verhelfen ihr zu ihrem alten Glanz, was aber der Werksgröße entsprechend eine Mammutaufgabe sei. Deshalb werbe er um Unterstützung. Mit einem patenten Patenplan.
die aufgaben der stiftung
Patenschaften aus Berlin, dem Umland und Ausland helfen bei der Restaurierung
Schon seit dem letzten Jahr unterstützt das Patenschaftsprogramm der Stiftung KPM die Restaurierung der 1057 Gemäldefliesen. Geplant sind auch ein Kolloquium zum Werk und eine abschließende Publikation. Konkret: Wer das Projekt unterstützen möchte, übernimmt für 500 Euro die Patenschaft einer der Fliesen, die per Losverfahren vergeben werden. Neben Paten-Urkunde und Einladungen zu Veranstaltungen wird man Teil eines exklusiven Förderkreises, der nach Projektabschluss auf einer Ehrentafel verewigt wird. Rund 600 Fliesen warten noch auf die Übernahme einer Patenschaft, die man im Übrigen auch verschenken kann.
Ein abgedunkelter Raum im Obergeschoss in der Alten Schlämmerei. Hier ruht „Germania“ in Schräglage. Noch befinden sich einige Fliesen bei der Restauratorin Anne Göbel, andere warten mit Pflastern verklebt auf ihre Behandlung. Andächtige Stille herrscht um das einmalige Kunstwerk, das Besucher auf einer Führung schon jetzt inspizieren können. Der endgültige Ausstellungsort der „Germania“ steht noch nicht fest. Wichtig ist es Jörg Woltmann erst einmal, sie an ihrem Entstehungsort zu präsentieren.



„Man kann sich nur vorstellen, was dieses Bild schon gesehen hat.“
Elisabeth Hammann
Albrecht Dürers stahlblaue Augen starren Gabriele Stippa an. Die Porzellanmalerin blickt kritisch zurück. Stimmt der Ausdruck? Sie vergleicht mit einem Fotoausschnitt des Gemäldes, wo Dürer mit seinen Lockenkaskaden zu Füßen der „Germania“ posiert. Gabriele Stippa führt kaum sichtbare Pinselstriche aus.
Für die Unterstützer des Kunstwerk fertigt sie nach Wunsch Repliken ihrer Patenfliesen. Seit über 40 Jahren bemalt die Berlinerin mit hauchfeinen Pinseln und geheimen Farbmixturen die Stücke der KPM. Einen Auftrag wie diesen hatte sie noch nie auf ihrer Werkbank.
Der Aufwand um das Kunstwerk ist gewaltig. Allein die Vorreinigung der Kacheln dauerte vom Februar bis Juni letzten Jahres. Elisabeth Hammann, die eigentlich in der Formengießerei arbeitet, legte sie schubweise in Becken mit warmem Wasser, um die Schmutzschicht aus Rauch und Fett zu entfernen, rieb sie dann mit Spiritus ab, um die bleihaltige Abschlussglasur wieder zum Glänzen zu bringen und katalogisierte ihren Zustand im Anschluss.
„Es gab ein paar Fliesen mit kegelförmigen Ausbrüchen nach hinten, aber vorne nur einem kleinen Punktloch. Ich vermute ein Luftgewehr. Es war ja ein Herrenclub. Da ist vielleicht mal eine Kugel quergeschlagen. Man kann sich nur vorstellen, was dieses Bild schon gesehen hat.“




Zum Schluss siegte Germania über den Kaiser
Mit dem Werk „Germania – Beschützerin von Kunst und Wissenschaft“ wollte Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts betonen, dass es in diesen Bereichen ganz oben mitspiele, erklären Maria Braun und Jeannine Gröpke, die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Stiftung KPM. Es gebe allerdings im Archiv auch eine Vorstudie, in der die Bildsprache noch eine ganz andere sei – mit Kaiser Wilhelm in der Mitte, wesentlich preußischer, vor dem Berliner Dom. Aber dann sei es doch Germania geworden mit ihrem Ölzweig vor dem Kölner Dom, damals einem der höchsten Bauwerke der Welt. Man habe wohl zeigen wollen: Wir Deutschen, wir können was – im besten Sinne.
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